Am Montag ging es nach Butku im Bloque SIPBAA. Wir fuhren mit einem Taxi überpünktlich zur Starthaltestelle des Busses, um noch einen Platz für die über dreistündige Rüttelfahrt ergattern zu können. Der immer-gleiche Busfahrer erkannte uns sofort und begrüßte uns freudig. Er ist wirklich einer der charismatischsten Menschen denen ich jeh begegnet bin: er ist dick und hat einen Afro – ich würde sagen er hat afrikanische Wurzeln, aber da die Mískito zum Teil ebenfalls so dunkel sind, ist die Ethnie wirklich nicht immer einfach zu sagen. Er kennt alle Mitfahrenden und scherzt mit allen rum. Begleitet wird er immer von einem Gepäckjungen und einer Kassiererin. Jeden Morgen fahren sie um 5:30h in der ersten Comunidad Sangnilaya los, um zwischen 9 und 9:30 in Puerto Cabezas anzukommen. Um 14 Uhr startet der Bus dann zur Rückfahrt, so dass sie um rund 18 Uhr wieder in Sangilaya eintreffen – Montag bis Samstag, das ganze Jahr. Er ist der Chef im Bus, das zeigte er auch auf dieser Fahrt wieder deutlich. Es gab einen heftigen Ehestreit – soweit wir das mit unserem Mískito und den vereinzelten englischen oder spanischen Wörtern entziffern konnten. Das Gemenge breitete sich im ganzen Bus aus, alle diskutierten und hantierten mit. Irgendwann stand der Busfahrer auf und soweit ich das gesehen habe, entnahm er dem Mann der Ehering und warf ihn aus dem Fenster. Ohne ein Wort setzte er sich wieder auf seinen Fahrersessel, setzte seinen Hut auf und fuhr weiter. Danach war Ruhe im Bus.

Wir kamen in der Dämmerung in Butku an, Mateo Ocampo holte uns am Bus ab. Er kam mit schlechten Nachrichten. Am Montag gab eine eine Versammlung in der bekanntgegeben wurde, dass der Präsident der Kooperative COOSIPBAA und die Richter der Gemeinden, die mit Ortsbürgermeistern verglichen werden können, einen Vertrag unterzeichnet haben. Der Vertrag mit Alba forestal besagt, dass ab nun Alba und nicht mehr die Comunidades, vertreten durch die COOSIPBAA, die Rechte zur Abholzung der kommunalen Flächen besitzen. Soweit wir das bis jetzt sagen können heißt dass, dass die Kommunen ihre nach der Revolution hart erkämpfte Autonomie und kommunalen Landrechte damit im Vertragszeitraum an die Alba abgeben. Die Alianza Bolivariana ist eine von Venezuela mit den sozialistischen Ländern Lateinamerikas (Venezuela, Nicaragua, Bolivien, Ecuador und Kuba) gegründete „alternative“ Wirtschaftsmacht, die der kapitalistischen Welt eine Alternative gegenüberstellen soll. Am Beispiel Nicaraguas, beziehungsweise RAANs sehen wir allerdings gerade, dass die Alba die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten weiterführt und das zum besonderen Nachtteil der Comunidades, denn die Alba zahlt noch weniger Geld für das Holz, als es die COOSIPBAA mit ihren Partnern könnte. Denn obwohl Holz in Europa teuer ist, kommt der geringste Anteil bei den abholzenden und von den umweltzerstörenden Nachwirkungen betroffenen Gemeinden an. Der Großtteil des Geldes geht an Zwischenhändler und in den Transport. Soweit wir das derzeit einblicken können, haben die Comunidades keinerlei Vorteile durch die Übernahme der Rechte durch die Alba. Da die Alba sich seit dem Hurrican Felix bereits in der Region einmischt und im besonderen der Präsident Ortega persönliche (finanzielle) Vorteile von der Alba und der Kooperation mit Venezuela erhält, ist diese Situation nur durch einen hohen Anteil an Korruption durchfürhbar. Wir vermuten und das wurde uns im nachhinein auch von anderen bestätigt, dass die Richter und der Präsident der Kooperative gutes Geld dafür erhalten haben, dass sie den Vertrag unterschreiben, da sie damit das Todesurteil der Kooperative und der kommunalen Flächen- und Selbstverwaltung unterschrieben haben. Zudem wurde die Entscheidung ohne die Mitglieder und vor allem außerhalb des Vorstandes getroffen. Mit diesem Wissen gingen wir bereits davon aus, dass die Workshops am kommenden nicht gut besucht sein werden, da kaum noch Mitglieder hinter der Kooperative stehen.
Am kommenden Morgen passten wir uns wieder dem Rhythmus der Comunidades an und standen um halb Sechs mit dem Sonnenaufgang auf. Mateo war da bereits fort zum arbeiten, so dass wir zunächst entspannt frühstückten. Der Workshop sollte um acht beginnen, zu der Zeit liefen wir jedoch erst los, Mateo wollte nachkommen. Da es in der vergangenen Zeit viel geregnet hatte, war der Fluss so hoch, dass wir einen großen Umweg in Kauf nahmen und erst gegen kurz vor Neun völlig verschwitzt an der Kooperative ankamen – es war noch niemand da und das Büro verschlossen. Um halb zehn kam Mateo und gegen elf kam Felicia, eine Mitglied des Vorstandes. Weitere Menschen kamen nicht und vor allem nicht der Präsident mit dem Schlüssel des Bürogebäudes indem wir immer noch nicht drin waren. Mateo und Felicia waren wie wir der Meinung, dass die Workshops unter diesen Bedingungen keinen Sinn machen: zum einen ist durch den Vertrag mit Alba nun komplett offen wie es mit der Kooperative weitergeht und zum anderen stehen viele der Mitglieder aufgrund des Präsidenten und der Konflikte in der Vergangenheit nicht mehr hinter der Kooperative. Eine Strategieplanung unsererseits macht somit wirklich keinen Sinn. Wir machten ab, dass wir für kommenden Dienstag eine Mitgliederversammlung einberufen werden und dort den weiteren Fortgang der Kooperative besprechen werden. Frage ist, wer weiß schon von der Situation oder wer wusste es bereits? Was hat der Präsident mit der Kooperative vor? Und wie geht es für uns weiter, immerhin waren wir hier um der Kooperative einen Dienst zu erweisen. Wir haben quasi Halbzeit und noch nichts erreicht. Natürlich haben wir viel gelernt hier und nehmen einiges mit, sowohl thematisch, als auch politisch oder kulturell. Wir werden zunächst die Zeit jetzt nutzen, um in lateinamerikanischen Zeitschriften (Lateinamerika Nachrichten, ila) über die Situation hier vor Ort zu berichten.Vor allem möchten wir die Rolle von Alba kritisch aufzeigen, da in linken deutschen Institutionen und Medien die Alba stets unkritisch und positiv dargestellt wird. Neben der Recherche werden wir Interviews in den Comunidades führen, mal sehen welche weiteren Themen wir aufbereiten können. Ein kritischer Blick auf die Entwicklungszusammenarbeit und die Rolle von „Entwicklungshelfenden“ könnten wir an unserem Beispiel auch ganz gut zerreißen…
Den Dienstag verbrachten wir im Haus von Ocampos, denn es regnete ab dem Mittag unentwegt. Wir hatten nicht wirklich was zu tun und es war ein unglaublich langer und langweiliger Tag. Kurz vor Dämmerung gab es eine Regenpause die wir just nutzen etwas raus zukommen und nochmal durch Butku zu laufen. Plötzlich vernahmen wir ein Rauschen, es klang wie ein Wasserfall oder eine Flutwelle. Von der Veranda rief uns eine Mískita zu „la lluvia viene“ (Der Regen kommt)… wir drehten umd und erreichten nur noch rennend das Haus, bevor sich die Regenwand durch die Landschaft bewegte und binnen Sekunden alles unter Wasser stellte. Beeindruckend.

Am Mittwoch standen wir um fünf auf, um mit dem Sechs-Uhr-Bus wieder nach Puerto zu fahren. Obwohl wir gerade nichts zu arbeiten haben schaffen wir es irgendwie immer die Tage voll zu planen: Ins Zentrum laufen (rund 45minuten), Einkaufen, lesen oder schreiben, Internetcafé, Mískito lernen und Wäsche waschen und Haus tierfrei-halten sind auch immer sehr zeitaufwendig. Zudem waren wir den Donnerstag nochmal bei Masangni und hatten ein Interview zur Situation der COOSIPBAA und zur Rolle von Alba forestal. Entweder wir können die Infos doch noch für die Arbeit mit der Kooperative verwenden oder ansonsten für die Publikationen. Die Abende verbringen wir meistens mit lesen oder quatschen und trinken das nicaraguanische Bier Toña dazu, dass zwar wie alle lateinamerikanischen Biere sehr mild ist, aber trotzdem ganz gut schmeckt. Oder wir trinken leckeren Rum: der nicaraguanische Flor de Caña schmeckt wirklich noch besser als Havanna Club und mit (Big-)Kola und Limette als „Nica libre“ ist er wirklich lecker.