Sexismo y Machismo

Ein Thema mit dem wir uns hier täglich auseinandersetzen müssen ist der Sexismus und der „Machismo“ (das Wörterbuch übersetzt es mit „übertriebenem Männlichkeitskult“) in der lateinamerikanischen und speziell nicaraguanischen Gesellschaft. Von aufdringlichen Anmachen bis hin zu Erniedrigungen sind weit verbreitet in der nicaraguanischen Gesellschaft. Es wird nicht nur geschaut, nein es wird geglotzt, gepfiffen, gezischt wie „tzzz tzzz“ (als wären wir Tiere) und Sprüche geklopft. Nein, nicht nur Männer sondern schon geschätzt 12-Jährige meinen uns (wir sind 25 und 28!) anmachen zu müssen. Da kommen Sprüche wie „llevarme“ (Nimm mich mit), „chelita linda“ (süße „weiße“), „adios mi amor“ (Tschüss meine Liebe), „hola amor“ (hallo Liebe“), „Goodbye, I love you“, Goodbye Baby“. Manchmal fassen sie uns sogar an, meist nur am Arm. Doch das überschreitet unsere Grenze wirklich!

Neben psychischer Gewalt ist auch physische Gewalt in Nicaragua präsent, so werden Frauen häufig geschlagen oder auch vergewaltigt. Besonders der hohe Alkohol- und Drogenkonsum seitens der Männer führt zu häuslicher Gewalt. Angeblich konsumieren in Puerto Cabezas, nicht aber in ganz Nicaragua, rund 70% der Männer Drogen, sowohl das hier sehr erschwingliche Marihuana, also auch Kokain und die weiteren Drogen, die Nicaragua auf ihrem Weg von Südamerika (Kolumbien, Peru) in die USA passieren.

Ein weiteres Produkt der machistischen und sexistischen Gesellschaft ist es, dass es Frauen nicht erlaubt ist abzutreiben. Frauen dürfen seit 2006 auch dann nicht mehr abtreiben, wenn ihr eigenes Leben in Gefahr ist oder sie vergewaltigt wurde. Vor kurzem erst kursierte in den internationalen Medien, dass eine Frau grausam daran starb, weil sie eine Erbkrankheit hatte und nicht abtreiben durfte. Es geht zum einen auf den Machismo und das Unverständnis des weiblichen Bedürfnisses selbst über den eigenen Körper bestimmen zu dürfen zurück, aber zum anderen auch auf die starke katholische Kirche in Nicaragua, der mit diesem Gesetz ein Zugeständnis während der sandinistischen Revolution gemacht wurde. Die  Situation der Frauen hat sich unter Daniel Ortega, dem Präsidenten der sandinistischen Partei noch verschlechtert. Besonders Frauenorganisationen aber auch andere soziale Bewegungen sind vermehrt Repressionen ausgesetzt und werden in ihrer Arbeit behindert. Dem Ziel von Machterhalt und -ausbau opfert die FSLN-Führung indes viele ihrer einstigen Ideale der sandinistischen Revolution der 1970er Jahren.

In der nicaraguanischen Gesellschaft herrscht beispielsweise auch noch die Vorstellung, dass die Vergewaltigung eine eigene Sünde der Frauen wäre und indem sie ihren Missbrauch verzeihen, könnten sie sich von den Folgen befreien. Somit zeigen die Frauen in den wenigsten Fällen die Vergewaltigungen an und machen die Folgen mit sich alleine aus. Gewalt wird als ein persönliches Problem angesehen, anstatt einem gesellschaftlichen beziehungsweise strukturellen Problem.

Frauen sehen auch nicht, dass sie von ihren Rechten Gebrauch machen können, da sie sich meistens dem Mann unterstellt sehen. Besonders im ländlichen Raum sieht man Vergewaltigungen als „Gott-gewollt“ und „natürlich“ an. Häufig werden die jungen vergewaltigen Mädchen mit ihren Vergewaltigern verheiratet, um den Missbrauch in der Gesellschaft zu vertuschen – was eine Qual für die Frau und auch die Kinder!

Auch Morde an Frauen (Feminizide) sind in Nicaragua, wie in ganz Mittelamerika sehr hoch und kaum bestraft. Die hohe Anzahl an (unaufgeklärten) Frauenmorden in Nicaragua werden vor allem durch Familienangehörige durchgeführt. Sie verdeutlichen die Beziehungen von Macht und Unterordnung. Die traditionelle Rollenbilder sind in Nicaragua noch tief verankert, Frauen haben nichts zu sagen in der Familie, sondern sind nur für das Haus und die Kinder zuständig. Sie besitzen keine Entscheidungsgewalt. Die Zahl der Frauenmorde ist in den vergangenen Jahren stetig angestiegen, auch wenn diese in El Salvador, Mexiko und vor allem Honduras noch höher liegen. Die Morde werden häufig aus Rache verübt oder um die Ehre des Mannes wieder herzustellen. Faktoren die die Frauenmorde beeinflussen sind somit auch der Machismo, das absolute Abtreibungsverbot sowie mangelnde Bildung sind Faktoren.

Aber nicht nur Frauen, sondern auch Kinder sind dieser psychischen und physischen Gewalt ausgesetzt. Eine Frau im Taxi schimpfte letztens mit ihrem Kind mit den Worten „hör auf oder ich schlage dich“. Und Julia und ich erschraken sehr, als auch Carmen es ganz selbstverständlich verteidigte, dass Kinder geschlagen werden müssten, damit sie gehorchen… im gleichen Atemzug jedoch sprach sie über ihre schlechten Erfahrungen mit Männern, denn viele Frauen – in Bilwi und den Comunidades fiel es uns schon deutlich auf – werden von ihren Männern verlassen und mit den Kindern alleine gelassen. Statistisch gesehen wurden ein Drittel der Frauen in Nicaragua von ihrem Mann verlassen und erziehen die Kinder alleine. Das ist sowohl auf den Machismo zurückzuführen, da die Männer die Frauen nicht schätzen und ihre Verantwortung für die  eigenen Kinder nicht sehen. Aber es ist auch auf die Arbeitsmigration zurückzuführen. So wie viele nicaraguanische Frauen eine Flucht aus der extremen Armut darin sehen als Hausmädchen oder „Nica“ in Costa Rica zu arbeiten, so ziehen die Männer ebenfalls überwiegend nach Costa Rica auf die Kaffee- und Zuckerrohrplantagen oder arbeiten auf dem Bau. Viele Menschen versuchen ebenfalls ihr Glück mit einer Migration in die USA, von den grausamen Geschichten der Flucht durch Mexiko werdet ihr alle schon einmal gehört haben. Für alleine Zurückgebliebene ist es nicht nur ein psychisches Problem, sondern eine große finanzielle Belastung, besonders für die alleinerziehenden Mütter. 70% der nicaraguanischen Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze.

Quellen:

„Sexueller Missbrauch ist ein Missbrauch von Macht“, Lateinamerika Nachrichten, Ausgabe 463 – Januar 2013;

„Unsichtbare Gewalt – Frauenmorde ohne strafrechtliche Konsequenzen“, Lateinamerika Nachrichten, Ausgabe 426 – Dezember 2009

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