Vergangenen Dienstag fuhren wir zu viert nach Santa Marta, um an einem Workshop der christlichen Entwicklungsorganisation „Palabra y Hecho“ (Word and Deed) zum Thema Agrarwitschaft teilzunehmen. Der Workshop war für uns spannend, da wir viele Hintergrundinformationen über die Dörfer und die Region erhielten. Die Diskussionen ud Beiträge fanden überwiegend auf Mískito statt, doch es wurde uns übersetzt. Am Mittag bekamen wir sogar ein Mittagessen, wie so üblich bei Workshops und öffentlichen Veranstaltungen. Anschließend liefen wir mit Nazaria, unserer Gastmutter in den Gemeinden, nach Butku. Wir pausierten in der Mittagshitze unter einer Palme und die spannende Frau erzählte uns vom Hurrikan Felix, dessen Augen 2007 den Bloque SIPBAA nachhaltig trief und von denen sich die Dörfer und vor allem die Landschaft bis heute nicht erholen konnte.
Kurz bevor der Hurrikan der kategorie 5 Nicaragua erreichte, wurde in Comunidades das „Radio Comunicación“ eingeführt, ein Funkradio welches zur Verständigung zwischen den Comunidades genutzt wurde. Das Radio dient hier als eine wichtige Informations- und Kommunikationsquelle, besonders in den Gemeinden ohne Strom-, Internet- oder Handynetze. Beispielsweise werden Nachrichten an die Familie oder Freunde oder auch Geschäftsmitteilungen über das Radio weitergetragen, da viele Menschen auch nicht Lesen oder Schreiben können uns die Post nur die Stadt Puerto Cabezas erreicht. Die Schulung zur Benutzung des Funkradios wurde eine Woche vor dem Hurrikan abgeschlossen, die Anlage steht bei unserer Gastfamilie im Haus. Acht Tage bevor der Hurrikan Felix ankam, gab es die erste Meldung in den Comunidades. Viele Hurrikan (unter anderem Hurrikan Katrina) fielen jedoch schwächer für die Region aus als prognostiziert, so dass die Menschen die Warnungen nicht ernst nahmen. Am Abend vor dem Hurrikan kam dann die Meldung, dass das Auge des Hurrikan genau auf den Bloque SIPBAA treffen würde und die Menschen hatten knapp 12 Stunden Zeit sich zu evakuieren. Manche, die Zugang zu Transportmitteln hatten, fuhren noch nach Puerto. Doch viele Menschen blieben auf der Strecke aufgrund von Bäumen stecken. Der Hurrikan erreichte den Bloque SIPBAA um 10 Uhr morgens. Die großen Bäume (von ihnen steht heutzutage kein einziger mehr) waren innerhalb Minuten dem Boden gleich gemacht. Die Bambus-Häuser flogen wie Streichhölzer davon. Der Wind schaffte es sogar die Kühe durch die Luft zu katapultieren. Die Menschen retteten sich in die Dorfschulen oder in die Kirchen, die einzigen Betonhäuser in den Dörfern. Das Dach der Grundschule in Butku flog davon und der Regen ließ das Wasser in dem Haus innerhalb von wenigen Minuten auf rund 1 Meter Höhe steigen. In Butku überlebten alle den Hurrikan, in den Nachbardörfer starben jedoch einige Menschen. Ein Blechdach beispielsweise fiel herab und durchtrennte eine Vierköpfige Familie auf Bauchhöhe. Weitere Menschen kamen durch Bäume oder herum fliegende Gegenstände ums Leben. Der Hurrikan hinterließ den Menschen in den Comunidades kaum etwas. Es gab keine Wohnhäuser mehr, kein Essen mehr, die Kleider waren kaputt und die Fruchtbäume und die Landwirtschaft wurden zerstört. Zu dieser Zeit gab es zudem noch keine befestigte Straße in die Comunidades, sie wurde erst im Anschluss errichtet und somit war die Nothilfe über den Fluss und die bestehende kaum befahrbare Straße mühsam. Viele Menschen sahen keine Perspektive mehr für sich und nahmen sich das Leben. Eine Alleinerziehende Mutter Butkus wusste sich nicht mehr zu helfen und vergiftete sich und ihre drei kleinen Kinder.
Es war das erste Mal, dass uns vom Hurrikan erzählt wurde. Wir vermögen es nicht die Menschen darauf anzusprechen, da viele Menschen traumatisiert sind und wir daher sehr vorsichtig bei dieser Thematik sein müssen. Derzeit ist wieder Hurrikan Saison (August bis Oktober) und die Menschen sind sichtlich angespannt bei jedem stärkeren Unwetter.

