Es ist der Wurm drin

Wie ich im letzten Beitrag schrieb, fuhr Julia vergangene Woche Dienstag allein nach Butku, um am Mittwoch die Informationsveranstaltung durchzuführen. Kaum war sie weg, fiel erst einmal der Strom für mehrere Stunden aus und ich hatte schon Bammel, nun allein und ohne Strom sein zu müssen. Und am Abend zeigte sich zudem mal wieder die Ratte, sie saß zu meinem Schreck von draußen auf dem Küchenfenster, ich sah nur den langen Schwanz. Zudem nagte sie in der Nacht meinen Beutel an, in dem ein altes und leeres Kekspapier drin war… Ich habe mich sehr darüber geärgert und verstaue jetzt noch mehr meine Kleidung. Zudem habe ich total Schiss davor, dass ich ein Krümmel in meinem Zimmer liegen lasse und sie mich dann nachts im Schlafzimmer besuchen kommt….

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Das Rattenloch

Am nächsten Morgen frühstückte ich alleine – und Julia kam wieder reinspaziert, 24 Stunden zu früh. Zu unser und vor allem zu ihrem Ärgernis hatte die Info-Veranstaltung nicht stattgefunden und sie hatte es erst dort erfahren. Der Präsident der Kooperative hat das Treffen abgesagt, da die Jueces nicht konnten. Die „Richter“ sind die Dorfoberhäupte, mit denen die meisten Entscheidungen gefällt werden und vieles „legitimiert“ wird. Allerdings ist die Kooperative unabhängig von den Gemeinde-Strukturen, daher verstanden wir die Absage nicht wirklich. Wir verstanden allerdings zunehmend die Problematik, dass die Kooperative derzeit nicht gut läuft und dies unter anderem am derzeit amtierenden Präsidenten liegt. Noch vor 2 Jahren gab es einen ständigen Bürobetrieb in Butku – heutzutage ist das Büro abgeschlossen und der Schlüssel derzeit nicht auffindbar. Ein Grund, weswegen wir da sind und eine Strategieplanung sowie einen Kommunikationsplan aufstellen sollen, aber auch ein Grund weswegen wir das alles nicht so recht können, weil uns sämtliche Steine im Weg liegen und wir bis dato noch kein wirkliches Interesse an einer Verbesserung verspüren konnten.

Ich war noch die restliche Woche etwas schlapp und hatte hin und wieder erhöhte Temperatur. Donnerstag begannen wir dann aber allmählich wieder uns den Workshops und dem Projekt zu widmen, denn den kommenden Montag sollte es ja in die Comunidades zu den ersten Workshops gehen.

Freitag fuhren wir in die Stadt, dort fanden am „Tag der Indigenen“ Paraden der Schulen sowie ein indigener Kunstmarkt statt. Wir stellten uns jedoch mehr davon vor als es her gab, dennoch besuchten wir Juan Carlos Mutter Nazaria an ihrem Stand. Sie hatte nach dem Hurrikan Felix eine Frauenkooperative gegründet, die Schmuck aus Samen sowie dem zerstörten Holz und Überbleibseln des Hurrikans herstellt, um den Frauen eine finanzielle Unabhängigkeit zu geben, besonders den Alleinerziehenden.

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Nazaria (r.) auf dem Markt

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der bescheidene Markt im Zentrum von Puerto Cabezas

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Staende im Stadion

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das gefuellte Stadion

 

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eine Schulklasse

 

 

Samstag nutzten wir den Mittag, dem Strand so nah zu kommen wie noch nie. Wir fuhren in das Restaurant „Mallecon“, welches direkt am Strand lag. Der Strand ist leider sehr gefährlich, da in der Regenzeit kaum Polizei und Militärs wache halten und die unübersichtliche Situation dazu genutzt wird, Kokain und andere illegale Güter zu schmuggeln. Teilweise kommt die Ware aus Kolumbien über den Seeweg und wird vor Puerto abgeworfen. Die Langusten-Taucher sammeln die Ware mit ein. Somit tummeln sich am Strand zwielichtige Gestalten und noch hinzu kommen Taschendiebe, da sich einige der ärmsten Stadtviertel direkt am Strand befinden. Obdachlose und Straßenkinder sind ebenfalls hier unterwegs. In größeren Gruppen oder wenn der Strand voll ist, könnten wir uns dort aufhalten. Leider haben wir bis jetzt jedoch noch keine wirklich netten Menschen kennengelernt – die scheint es hier nicht wirklich zu geben – und an diesem Samstag waren nur paar Kinder und zwielichtige Jugendliche dort unterwegs. Also blieb es bei dem Blick auf den Strand mit einer Kola und frittierten Kochbananen.

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Blick auf den Strand

Am Wochenende begann es wieder mehr zu regnen, zudem ging es Julia ab Samstag nicht gut. Sie hatte ähnliche Symptome wie ich zuvor – starke Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und bis zu 39°C Fieber. Wir entschieden uns jedoch gegen das öffentliche Krankenhaus und wollten ausharren bis zum Montag. Sonntag war somit ein wirklich trostloser Tag, es regnete und wir bewegten uns nur zwischen Sofa, Bett und noch Küche hin und her. Mir ging es etwas im Magen um und ich war im allgemeinen müde und frustriert darüber, dass es uns nicht so gut ging und das Projekt noch nicht wirklich lief. Auch wenn mir bewusst war, dass es hier alles nicht ganz einfach wird, entspricht es in keiner Weise meinen Vorstellungen und ich ärgere mich darüber, dass wir bereits 3 Wochen da sind und eigentlich nicht zustande gekommen ist bis dato, obwohl wir schon sehr fleißig waren. Wir hoffen jedoch noch fest daran, dass es nur ein schwerer Start ist und wir bald immun gegen die Bakterien hier sind, keine infizierten Mückenstiche bekommen und das Projekt noch gut anläuft. Sollte das Projekt nicht so gut laufen, suchen wir uns eine andere Arbeit. Beispielsweise würden wir in Nazarias Frauenkooperative mithelfen, sie freut sich sehr über unser Interesse und hat helfende Hände sehr verdient.

Montag morgen wollte Julia dann zum Arzt gehen, leider war Dr. Fausto nicht da. Nachdem sie dann in eine andere halb-öffentliche und mindestens genauso chaotische Klinik geschickt wurde wie das öffentliche Krankenhaus und zudem dort noch ignoriert wurde, rief sie mich an und ich begleitete sie. Wir fanden ein paar Blocks weiter glücklicherweise noch eine andere Privatklinik, auch wenn diese von Dr. Wilfred Cunningham doppelt so teuer war wie die von Dr.Fausto. Doch es war es uns wert. Dort konnte Julia dann die Blut und Urinproben machen lassen. Das Ergebnis dauert nur etwa eine halbe Stunde. Der Arzt teilte ihr dann mit, dass es entweder eine Virusinfektion ist oder wahrscheinlich auch Dengue sein könnte… Wir hatten gehofft, er sei sicher nur eine Virusinfektion. Julia bekam Schmerz- und fiebersenkende Mittel und Elektrolyte-Getränke verschrieben und muss jetzt alle 2 Tage wiederkommen, bis aufgrund der Inkubationszeit ein genaues Ergebnis feststeht beziehungsweise ihre Blutwerte besser sind. Zudem gab der Dr. uns seine Handynummer, damit wir ihn im Notfall auch am Wochenende erreichen können. Am Mittwoch bestätigte sich dann der Verdacht, denn neben dem Fieber kamen nun auch Übelkeit und masern-ähnlicher Ausschlag hinzu: Julia hatte das Dengue-Fieber.

Dengue lässt sich nicht behandeln, beziehungsweise nur die Symptome und es zieht sich rund zwei Wochen hin. Für unsere Altersgruppe ist Dengue meistens ungefährlich, gefährlich wird es nur dann, wenn wir uns ein zweites Mal mit Dengue infizieren würden. Allerdings baut der Körper Antikörper nach einer ersten Infektion auf und dann sind meistens nur noch andere Dengue-Typen möglich, meistens in anderen Teilen der Welt (in den tropischen Region von Afrika und Asien und eben Lateinamerika). Aber nach zwei Wochen Puerto schon Dengue bekommen musste ja nun auch nicht sein, aber bei dem Regen gibt es angeblich gerade auch eine Dengue-Epidemie in Puerto Cabezas. Hoffen wir also, dass ich es nicht auch noch bekomme und wir weitere zwei Wochen in unserer Arbeit gelähmt sind. Also steht jetzt nun erstmal an, das Haus mit Chemie auszuräuchern und somit alle möglichen Dengue-Mücken im Haus zu vernichten. Diese Prozedur sollten wir regelmäßig wiederholen. Leider ist das Haus aus unbehandeltem Holz und auch so gebaut und e3ingerichtet, dass es Mücken hier leicht haben. Daher fühlen wir uns hier nicht so wohl und schauen derzeit auch nach anderen möglichen Unterkünften. Hostels gibt es nicht wirklich und Hotels übersteigen unser Budget… Wir werden sehen. In Butku und den Comunidades gibt es zudem ein erhöhtes Ansteckungsrisiko, wahrscheinlich werden wir ab unserer nächsten Reise dorthin mit Malaria-Prophylaxe beginnen. Die Nebenwirkungen sind jedoch nicht unbeachtlich, wie starke Kopf- und Gliederschmerzen und Übelkeit, so dass es kein Spaß wird. Aber da uns nun beide Ärzte das empfohlen haben, werden wir das wahrscheinlich versuchen. Nazaria, Juan Carlos Mutter, liegt ebenfalls derzeit wegen hohem Fieber flach, sie liegt hier im öffentlichen Krankenhaus. Der Verdacht fiel zunächst auf Malaria, schlussendlich war es jedoch doch nur eine starke Grippe mit einer Atemwegsinfektion.

Unser Plan ist jetzt, da Julia auch erst einmal ein Reise-Verbot vom Arzt bekommen hat, dass wir kommende Woche beginnen werden die Workshops fertig vorzubereiten. Die verlorenen Termine können nicht nachgeholt werden, so dass wir die Themen in die nächsten Workshops integrieren müssen.

Zudem haben wir nun eine Mail an das ASA-Programm formuliert, da sich Juan Carlos dort auch schon gemeldet hat und die nicht optimale Situation von uns geschildert hat. Wir werden uns zumindest darüber informieren, welche Konsequenzen es hätte aus gesundheitlichen Gründen abzubrechen und wie die allgemeine Zusammenarbeit mit der Region beziehungsweise der Kooperative aussehen wird. Denn derzeit stehen auch die Projektanträge für 2014 an und da sollten wir erste Rückmeldungen über die Situation hier geben. Unsere Empfehlung beziehungsweise Kritik ist, dass eine Projektdurchführung in dieser Region nur in der regenfreien Zeit ratsam ist und zudem nur mit der Kooperative der Mutter, weniger aber mit der COOSIPBAA. Ich werde berichten, welche Rückmeldung wir bekommen.

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