Wie die Dinge so laufen… an der Costa Caribe

Die letzte Woche verbrachten wir damit, die ersten Workshops intensiv vorzubereiten. Wir haben uns mit den Problematiken der Diversifizierung von Produkten als Alternative zur Abholzung beschäftigt, mit notwendigen Regulierungen im Arbeitsablauf und in der Kommunikation der Kooperative sowie mit möglichen strategischen Partnern auseinandergesetzt. Dafür haben wir unser Haus in ein Büro verwandelt:
Arbeitsraum

Am Wochenende gönnten wir uns eine kleine Pause indem wir am Samstag mit zwei Jungs ausgingen. Wir gingen in eine „Trinkhalle“ mit Hermán, der sehr in Julia verliebte Gemüseverkäufer und seinem Cousin Miguel. „Trinkhalle“ passt daher gut, da es eine offene Bambushalle war, in der so laut Musik gespielt wurde, dass wir kaum unsere Worte verstanden haben und wir daher mehr getrunken haben als uns zu unterhalten. Die „Jungs“, sie sind erst 22 und 21 Jahre alt – Männer in unserem Alter sind für gewöhnlich alle schon verheiratet und haben Kinder – haben uns mit dem Auto abgeholt. Miguel fuhr meiner Verständnisses nach sehr unkontrolliert und wie er später erzählte, reicht in Nicaragua ein physischer Test (Augentest, Bluttest etc.) für die Fahrlizenz, erlernen tun es die Menschen selber… Zum Glück gibt es hier fast nur Sandstraßen mit tiefen Schlaglöchern, so dass die Menschen wirklich nicht schnell fahren können. Der Abend war sehr interessant, vor allem weil wir viel über die Lebenssituation der beiden erfahren haben, die „klassische“ nicaraguanische Lebensläufe haben. Hermán Vater verstarb vor wenigen Jahren bei einem Autounfall auf dem Rückweg eines Jobs aus Guatemala. Die Arbeitsmigration ist ein großes Thema in Nicaragua. Viele „Nicas“ gehen in das reiche Costa Rica und arbeiten als Hausangestellte. Das Verhältnis der beiden Länder ist angespannt, zum einen politisch, aber eben auch wegen der prekären Arbeitsverhältnisse zueinander. Männer gehen teilweise ebenfalls in die „reicheren“ Nachbarländer, wie Hermanns Vater. Hermán muss aufgrund des Tods bereits mit 22 das Geld für seine vier jüngeren Geschwister verdienen. Er arbeitet wie gesagt aus Gemüsehändler im einzigen Supermarkts Puertos. Der Besitzer des Supermarktes (ihm gehören noch ein Hotel und die einzige Trinkwasseraufbereitungs-Firma) ist einer der reichsten Männer der Stadt (zusammen mit Besitzern von Langusten-Fischereien). Er ist Menschen wie Hermán – die indigene Vorfahren haben – sehr rassistisch gegenüber eingestellt. Hermán verdient rund 160€ im Monat, obwohl er 6 Tage die Woche täglich und ohne Ferien arbeitet. Das Durchschnittseinkommen in Nicaragua liegt bei rund 220€ und RAAN liegt mit rund 130-200€ deutlich darunter. Bevor er den Job im Supermarkt hatte, arbeitete er für ein Jahr zum Goldschöpfen in den Minen in Bonanza weiter im Westen von RAAN. Dort arbeitete er in rund 12-Stunden Schichten in der Nacht und schlief am Tag, eine ebenfalls prekäre Arbeit. Miguel studiert Umweltwissenschaften an der örtlichen staatlichen Universität, er lebt ebenfalls noch bei seiner Familie und seinen sechs Geschwistern. Sein Onkel verdient sein Geld mit dem gefährlichen Langustenfischen, darüber werde ich noch berichten. Der Abend war jedenfalls sehr interessant, auch wenn die zwei ständig von der großer Liebe sprachen (ein ständiges Thema hier und alle Lieder handeln nur von Liebe) und immer wieder sagten wie romantisch und sensibel sie seien… Das war etwas anstrengend. Der Abend war zudem ein spannender, da das Baseball verrückte Niacaragua an dem Tag einen historischen Sieg zu verzeichnen hatte. Die Costa Caribe besiegte zum ersten Mal die Hauptstadt Managua und das Spiel fand im Stadion in Puerto Cabezas statt. Julia und ich hatten uns bereits gewundert, warum die Straßen Samstag Mittag ausgestorben waren wie sonst nur am Sonntag zur Messe. Am Abend strömmten dann die Menschen feiernd durch die Straßen und hupten und es ist bis heute Gesprächsthema, dass die sonst so vernachlässigte Costa Caribe die Pacíficos besiegt hat.
Am Sonntag nutzten wir den sonnigen Tag – in letzter Zeit regnet es wirklich viel – um an den Strand zu gehen. Wir nahmen nichts mit was uns geklaut werden könnte. Dort warteten schon Hermán und Miguel auf uns, sie wussten von unserem Plan den Strand zu besuchen und wollten auf uns aufpassen. Der Strand war voller Familien und Jugendlicher, so dass wir auch alleine hätten sicher dort sein können, aber so konnten wir uns dort wirklich frei bewegen und die frische Luft und die Wellen genießen. Schwimmzeug hatten wir jedoch noch nicht dabei, so dass ich nur knietief im Wasser stand und Julia mitsamt ihrer Kleidung in die Wellen sprang. Auch wenn die zwei Jungs nicht unsere besten Freunde werden, durch sie können wir uns wenigstens etwas freier in Puerto Cabezas bewegen und wir sprechen etwas mehr spanisch. Demnächst wollen wir gemeinsam Langusten zubereiten und kommendes Wochenende gehen wir vielleicht mal tanzen.
Zudem wissen wir uns inzwischen trotz mangelnder Nahrungsmittel mit dem Essen zu helfen. Nach etwas suchen haben wir auf dem Markt Äpfel gefunden, die sind zwar teuer aber einfach ihr Geld wert. Auch süße Bananen, Melonen und Avocados konnten wir bereits hin und wieder entdecken. Der Supermarkt hat jedoch immer noch ein wöchentlich wechselndes Sortiment und es ist immer wieder eine Überraschung was wir so finden. Beispielsweise gibt es super viel Putzmittel, ekelhafte Süßigkeiten und Hundefutter… aber Grundsnahrungsmittel und frisches Obst und Gemüse sind Mangelware. Zudem warten wir verzweifelt auf Mückenschutz. Zudem haben wir zwei Vegetarierinnen uns vor lauter Verzweiflung schon Würstchen und Thunfisch gekauft – hier gibt es auch riesen Schildkröten zu essen, aber daran trauen wir uns nicht, die liegen nämlich tagelang in der Sonne bis sie grün sind, ich hoffe ich kann mal ein Foto davon schiessen. Der Thunfisch war jedoch ganz vorzüglich, die Würstchen hingegen wirklich widerlich, die kommen uns nicht mehr auf den Tisch. Auch mexikanisches Essen essen wir hier viel, wie Mais-Tortillas. Wir vermissen zwar immer noch den deutschen Käse – trotz eines essbaren Käses den wir entdeckt haben – und Dinge wie Brot, Schokolade, Milchprodukte oder Honig, aber wir können uns doch inzwischen ganz gut arrangieren.
Vielleicht sollte ich noch vom Ausgang von unserer Mäuse- und Rattenjagd berichten. Vor rund 10 Tagen begannen wir Gift auszulegen, da die Ratte sich fast täglich zeigte und nachts die Küche auf den Kopf stellte. Doch obwohl das Gift jeden Morgen weg war, kam jeden Tag – rund 5 Tage lang – immer wieder die Ratte (oder war es eine Ratten-Armee?!) runter. Also legten wir weiter Gift aus, doch irgendwann verschwanden die Ratten und stattdessen kam kleine Mäuse. Vor Butku (Bloque SIPBAA) fanden wir zudem 3 tote Mäuse im Haus, die uns zum Glück Nachbars Katze raus schleppte. Als wir aus den Comunidades zurückkehrten, roch es jedoch nach Verwesung im Haus, der Geruch wurde wirklich unaushaltbar, wir konnten ihn jedoch nicht orten und in der Küche wirklich nichts entdeckten. Unsere Befürchtung war, dass es die tote Ratte im Dach ist. Und auch die Kakerlaken wurden angezogen von dem Geruch. Als der Gestank unerträglich wurde, stellten wir die ganze Küche auf den Kopf. Zuerst entdeckten wir ein vermissten Lappen, er war durch ein Loch von hinten unter die Gas-Kochstellen gezogen worden. Wir hatten häufiger Fiepen wahrgenommen während des Kochens, also hatten die Mäuse tatsächlich sich mit Lappen Höhlen unter den Gasplatten gebaut… Dort fanden wir jedoch keine tote Ratte oder Maus. Nein, die tote und schon halb verweste Maus fanden wir in unserem Backofen (der so ekelhaft dreckig und auch kaputt ist, dass wir ihn nie verwendeten, sondern nur die Gasplatten). Mit einem Stock fischten wir sie dort heraus und machten das Dreckloch so gut es ging sauber, seitdem ist der Verwesungsgeruch zum Glück weg, unser Ekel jedoch größer denn je. Kleine Mäuse springen jetzt regelmäßig in der Küche rum, aber so lang sie nicht zu viele werden und nicht wieder Ratten aufkreuzen werden wir nicht wieder Gift auslegen.
Abschließend wollte ich euch noch paar Fotos zeigen, zum ersten ist unsere Wäscheleine sehenswert. Denn die Wäscheleinen sind hier immer Stacheldraht… Eine Erklärung wäre vielleicht der starke Wind und häufige Regen oder andere Leinen sind Mangelware. Jedenfalls sehen dementsprechend immer die Kleider aus – zerlöchert. Aber Kleidung ist hier auch Mangelware, beziehungsweise habe ich noch kaum Geschäfte mit Neuware gesehen, sondern es gibt nur unzählige Stände mit Secondhand-Ware. Eventuell , aber das ist nur eine Vermutung, gibt es eine ähnliche Problematik wie in einigen afrikanischen Ländern, nämlich dass deutsche Caritas-Organisationen die in Deutschland gesammelten Altkleider an Zwischenhändler verkaufen, die es dann in den Ländern des Südens teuer verkaufen. Dies zerstört die lokalen Textil-Industrien. Hier in RAAN scheint es die Textil-Industrie jedoch nicht zu geben, teuer verkaufte gespendete Ware könnte es jedoch trotzdem sein:
Waescheleine2 Waescheleine Blumenkuebel

Ein Gedanke zu „Wie die Dinge so laufen… an der Costa Caribe

  1. Hallo ihr 2 🙂

    das hört sich alles super spannend an… ich hoffe, dass ihr noch etwas für das Projekt erreichen könnt!! Ganz viel Spass noch 🙂 LG Elena

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